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DER ROTE PILZ, DEN WIR VERGESSEN HABEN

vor 6 Tagen
3 Min. Lesezeit

Amanita muscaria – zwischen Mythos, Magie und alter Waldmedizin


Es gibt einen Pilz, den wahrscheinlich jedes Kind kennt.

Rot.

Leuchtend.

Weiße Punkte.

Der Fliegenpilz.

Amanita muscaria.


Wir finden ihn in Märchenbüchern, auf Weihnachtsdekoration, in Computerspielen und Glückssymbolen.

Aber kaum jemand fragt sich:

Warum eigentlich?


Warum hat gerade dieser Pilz einen so festen Platz in unseren Geschichten und unserer Vorstellung von Magie?

Vielleicht, weil seine Geschichte viel älter ist, als wir denken.


Amanita Mascara - Fliegenpilz

Ein Pilz mit einer jahrtausendealten Geschichte


Amanita muscaria gehört zu den Pilzen, deren rituelle Verwendung besonders in Sibirien und Nordasien seit sehr langer Zeit dokumentiert ist. Historische Quellen beschreiben seine Verwendung in schamanischen Ritualen und im Zusammenhang mit veränderten Bewusstseinszuständen.

Für manche dieser Kulturen war er nicht einfach ein Pilz.

Er war Teil einer Welt aus Ritualen, Geistern, Träumen und Geschichten.

Der Schamane war nicht einfach jemand, der einen Pilz aß.


Er war Hüter von Wissen.

Von Liedern.

Von Mythen.

Von Heilmethoden.

Von Ritualen.

Und der Pilz war Teil dieses Wissenssystems.


Das Spannende daran:

Amanita muscaria ist keine exotische Pflanze aus einem fernen Regenwald.

Er wächst in unseren nördlichen Wäldern.

In Skandinavien.

In Russland.

In Teilen Europas.

Zwischen Birken und Nadelbäumen.

Direkt hier.


Der Fliegenpilz als „Giftpilz“


Heute lernen wir vor allem:

Nicht anfassen. Giftig.

Und ja, Amanita muscaria enthält psychoaktive und toxische Inhaltsstoffe, vor allem Ibotensäure und Muscimol. Eine Einnahme kann zu starken körperlichen und psychischen Reaktionen und auch zu Vergiftungen führen. Er ist deshalb keineswegs ein harmloser Pilz.

Aber interessant ist:

„Giftig“ war nicht immer das einzige Wort, mit dem Menschen ihn beschrieben haben.

In verschiedenen Regionen wurde Amanita muscaria auch traditionell medizinisch verwendet.

Eine ethnomykologische Untersuchung aus Osteuropa und den westlichen Regionen der ehemaligen Sowjetunion dokumentiert beispielsweise traditionelle Anwendungen bei Gelenk-, Muskel- und Beinschmerzen sowie weitere volksmedizinische Anwendungen.


In Schweden wiederum war der Fliegenpilz bereits im 15. Jahrhundert bekannt und wurde traditionell unter anderem gegen Fliegen, Läuse und Bettwanzen eingesetzt – daher auch der Name flugsvamp.

Das Bild ist also komplizierter als:

Pilz = giftig = nutzlos.

Unsere Vorfahren beobachteten ihn.

Sie kannten seine Wirkung.

Sie entwickelten Regeln für seinen Umgang.

Und manche Kulturen gaben ihm einen Platz in ihren Ritualen.


Europa hatte seine eigenen Pflanzen- und Pilztraditionen.

Seine Heilerinnen.

Seine Kräuterfrauen.

Seine Bräuche.

Seine Waldgeschichten.

Seine Rituale.

Vieles davon wurde über Generationen mündlich weitergegeben.

Und vieles ging verloren.

Nicht alles wurde verbrannt.

Nicht alles wurde verboten.

Aber Wissen kann auch auf eine andere Art verschwinden:

Wenn niemand es mehr weitergibt.

Wenn eine Tradition abbricht.

Wenn ein Name vergessen wird.

Wenn eine Pflanze plötzlich nur noch als „Unkraut“ gesehen wird.

Oder ein Pilz nur noch als „giftig“.


Und vielleicht schauen wir deshalb heute wieder hin.


Während Menschen nach Südamerika reisen, um Ayahuasca Traditionen kennenzulernen, existiert hier im Norden Europas ein Pilz mit einer eigenen, jahrtausendealten Kulturgeschichte.

Das bedeutet nicht, dass Amanita dasselbe ist wie Ayahuasca.

Ist es nicht.

Die Pflanzen und Pilze, ihre Wirkstoffe, Kulturen und Traditionen unterscheiden sich.

Aber beide Geschichten zeigen uns etwas:

Unsere Vorfahren wussten, dass Natur mehr sein kann als Nahrung und Landschaft.

Und vielleicht müssen wir nicht immer ans andere Ende der Welt reisen, um uns daran zu erinnern.

Vielleicht beginnt die Geschichte auch hier.

Im schwedischen Wald.

Zwischen Birken und Fichten.

Dort, wo der rote Pilz im Herbst plötzlich aus dem Moos leuchtet.


Amanita muscaria


Ein Pilz.

Ein Gift.

Eine Medizin in traditionellen Kontexten.

Ein Ritual.

Ein Mythos.

Ein Symbol.

Und vielleicht vor allem:


Eine Erinnerung daran, wie viel wir über unsere eigene Naturgeschichte noch nicht wissen.

Vielleicht ist der Fliegenpilz deshalb bis heute so faszinierend.

Nicht, weil wir jede seiner Geschichten beweisen können.

Sondern weil er uns dazu bringt, Fragen zu stellen.


Was wussten die Menschen vor uns?

Welche Geschichten haben wir vergessen?


Und warum suchen wir die Verbindung zur Natur so oft in fernen Ländern, wenn sie direkt vor unserer Haustür beginnt?

Vielleicht musst du nicht in den Regenwald.

Vielleicht musst du manchmal einfach nur in den Wald.

Und hinschauen.


The Call of Amanita.

 
 
 

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